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Mein Mann ist in die Stadt gefahren

Ach bitte, kommen Sie doch rein. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Vielleicht einen Kaffee? Ich wollte mir auch gerade eine Tasse aufbrühen. Entschuldigen Sie bitte, wie es hier aussieht, ich habe es noch nicht geschafft, das Altpapier zum Container zu bringen. Ich komme gerade von meiner Schwiegermutter. Sie ist etwas kränklich. Sie wird neunzig im März. Und wir schauen täglich nach ihr.

Sonst macht das ja immer mein Mann, aber der ist heute in die Stadt gefahren. Nein, nicht in die Kreisstadt. Nach Hamburg. Seit er Pensionär ist hat er nicht mehr so viel zu tun. Da macht er das gerne. Die Auswahl an brauchbaren Printmedien ist in so einer Metropole eben reichhaltiger als in einer provienziellen Kleinstadt sagt er immer. Mein Mann war früher Studienrat für Deutsch und Geschichte. Er liest sehr viel. Er weiß auch sehr viel. Bildung, meine Liebe, sagt er immer, Bildung hört nicht einfach mit der Pensionierung auf.
Ich habe nie gearbeitet. Doch, ganz zu Anfang unserer Ehe, als mein Mann noch studiert hat. Da brauchten wir das Geld. Ich war Sekretärin in einer Importfirma .Es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Die vielen verschiedenen Menschen. Und dieser Duft. Wir haben Gewürze importiert. Er roch immer herrlich nach der weiten Welt. Als mein Mann dann mit dem Studium fertig war sagte er dann, dass seine Frau es ja nun nicht mehr nötig hat, zu arbeiten. Was sollen denn die Leute denken. Dann waren auch schon bald die Zwillinge unterwegs. Ulla und Vera. Zwei ordentliche Mädchen.Sie haben uns viel Freude gemacht. Die beiden wohnen im Süden. Sie fehlen mir manchmal. Aber nun ja.

Ich erzählte ja schon, mein Mann ist in die Stadt gefahren. Eigentlich möchte er immer, dass ich mitfahre. Waltraut sagt er immer, ich heiße Waltraut, Waltraut lass uns mal deinen Horizont erweitern. Es kann auch dir nicht von Schaden sein, mal etwas anderes zu sehen und die Perspektive zu erweitern. Mutti, so nennen wir meine Schwiegermutter, Mutti kann auch einen Tag ganz gut von Frau Schönborn versorgt werden. Frau Schönborn ist Muttis Nachbarin.

Aber ich antworte dann, Friedhelm, mein Mann heißt Friedhelm, Friedhelm du weißt doch, die Arbeit hier macht sich nicht von selber. Und diese zugigen Bahnsteige sind nichts für mich. Du weißt doch, meine Blase ist nicht die gesündeste. Wenn du das meinst Waltraut sagt er dann, wenn du das meinst will ich dich nicht drängen. Du musst es ja wissen ob du hier mal raus möchtest.

Nehmen Sie Milch und Zucker in Ihren Kaffee? Ich nehme immer beides. Schön hell und schön süß muss er sein. Mein Mann trinkt keinen Kaffee. Deshalb brühe ich mir auch nur welchen auf wenn er in die Stadt gefahren ist. Sonst trinken wir Kräutertee. Etwas anderes kommt mir nicht auf den Tisch, sagt mein Mann.

Meinen Kaffee bewahre ich mir in der alten Müslidose auf und den Filter hinter den Kuchenformen. In diesen Schrank schaut mein Mann nie, der ist etwas schwierig zu erreichen und er hat sagen wir mal, nicht mehr die Gelenkigkeit wie in jungen Jahren, als er noch in jeden Schrank geschaut hat.

Wenn er in der Stadt ist, koche ich mir gerne ein Tässchen.Ich liebe diesen Geruch von frischem Kaffee, es erinnert mich immer an meinen alten Beruf. Dort haben wir auch immer viel Kaffee getrunken.

Mein Mann ist heute morgen gleich nach dem Frühstück losgefahren. Den späten Vogel frisst die Katze sagt er immer. Nach dem Pendlerverkehr. Hier gibt es viele Pendler die mit dem Zug fahren. Er plant immer alles wunderbar im voraus. Darin ist er sehr gut, mein Mann. Wenn wir früher mit den Mädchen an die Ostsee gefahren sind, so als junge Familie konnte man sich ja nicht großartig was leisten, von dem Junglehrergehalt das mein Mann bekommen hat, wenn wir früher an die Ostseegefahren sind hat mein Mann immer genau gewusst wie lange das Benzin in unserem VW Käfer reicht und wie weit wir kommen. Wir haben auch schon immer genau gewusst, wo wir Rast machen werden. Das hatte mein Mann im voraus schon gut geplant. Als die Mädchen größer wurden und nicht mehr mitwollten, hat er nur noch für uns beide geplant.

Den Tag heute hat er auch geplant. Wie jeden Tag an dem er in die Stadt fährt. Er ist in unserer Kleinstadt ganz hinten in den Zug gestiegen, das weiß ich. Damit er dann am Südsteg am Hauptbahnhof genau den richtigen Ausgang nehmen kann. Er geht dann erstmal für genau eine Stunde in die Kunsthalle. Aber nur zu den Alten Meistern. Etwas anderes interessiert ihn nicht. Ich liebe die diese phantasievollen jungen Künstler im Neubau. Aber Waltraut, sagt er, Waltraut, das ist Humbug und intellektuell nicht verwertbar. Deshalb bleiben wir auch nur im alten Teil. Danach geht er um die Alster. Aber nur um die Binnenalster. Das dauert etwas eine halbe Stunde in seinem Tempo. Ich gehe ja gerne etwas langsamer um mich auch etwas umzuschauen, aber mein Mann ist wirklich noch gut zu Fuss.

Als nächstes fährt er dann vom Jungfernstieg Richtung Landungsbrücken. Er kauft immer so eine Fahrkarte, in der die S-Bahn schon mit dabei ist. Das ist viel ökonomischer, sagt er. Von den Landungsbrücken aus hat man einen großartigen Blick auf den Hafen, sagt mein Mann. Das braucht er, sagt er.

Vom den Landungsbrücken aus fährt er zurück zum Hauptbahnhof. Dort geht er in die große Buchhandlung in der Wandelhalle. Für die Bücher und die Printmedien. Als Hirnfutter. Ich stöbere ja gerne in den schönen Geschäften in der Fußgängerzone. Aber das langweilt meinen Mann.

Meistens kauft er eine Sonderausgabe vom Stern oder dem Spiegel, den es hier nicht gibt, wir leben ja in der Provinz, und irgendein Taschenbuch mit literarischem Wert aus den Remitenden.

Dann geht er noch an diesem ausländischen Fischstand vorbei. Fisch. Ich liebe Fisch, am liebsten Forelle Müllerin schön knusprig gebraten und heiß. Die gibt es dort aber nicht. Nur so Eingerolltes mit so einer grünen und braunen Soße dazu. Ganz bunt. Und kalt und roh.Sie wissen sicherlich was ich meine. Dort kauft er dann für uns zwei Portionen. Damit ich es auch mal gut haben soll und nicht kochen brauche. Wenn ich wegen der vielen Arbeit schon diesen Ausflug nicht mitmachen kann, dann wenigsten mal nicht kochen brauchen, sagt mein Mann. Möchten Sie noch einen Kaffee?

Dann geht er auf das Gleis. Der Zug steht nämlich fast zwanzig Minuten dort. Mein Mann ist meistens schon vorher da und steigt als erstes ein. Dann kann er sich noch so ausbreiten wie er es braucht, sagt er. Er braucht viel Platz. Er holt die Zeitschriften aus seiner Tasche und schaut sie durch. Die Artikel die ihn interessieren reißt er seitenweise aus. Alles andere ist unnötiger Ballast, erklärt er immer. Meistens halten die Seiten auch ganz gut so. Die überflüssigen Artikel die auch mich nicht interessieren stopft er in den Abfallbehälter. Warum damit bis zu Hause warten. Genauso macht er es mit den Taschenbüchern. Wozu muß man sich mit dem Umschlag abmühen? Alles überflüssiger Firlefanz und unnötig.

Wenn er damit fertig ist und alle wirklich wichtigen Artikel um sich gebreitet hat holt er schon den gekauften Fisch aus der Tüte. Meistens hat er dann soviel Hunger bekommen vom vielen Spazierengehen, dass er seine Portion schon im Zug ist. Ich kann ja auch alleine essen, Das macht mir nichts aus. Ich fand es früher immer sehr schön als die Mädchen noch klein waren und wir alle gemeinsam am Mittagstisch gesessen haben.

Er wird seine Portion im Zug verspeisen und den Plastikmüll auch in die Müllbehälter stopfen. Irgendwie passt das immer noch darein..als ich mal mitgefahren bin, hat sich einer der Mitreisenden darüber beschwert. Aber sowas läßt sich mein Mann ja nicht gefallen. Oh nein. Er hat ihm gesagt, dann solle er sich doch gefälligst woanders hinsetzen. Er hat ja schließlich ein Recht darauf, auch die Müllbehälter zu benutzen.

Oh Telefon, einen Moment bitte, entschuldigen Sie.

So, das war mein Mann. Er sitzt bereits im Zug und hat mich gefragt wie es seiner Mutter heute morgen ging. Er hängt nämlich sehr an ihr. Er wird in ungefähr 30 Minuten hier sein.

Dann müssen wir uns jetzt beeilen. Nehmen Sie doch bitte meine beiden Koffer hier, ich trage das Handgepäck. Wir werden es noch rechtzeitig zum Abendzug schaffen. Meine Tochter Ulla erwartet mich schon und freut sich drauf dass ich ab jetzt bei ihr im Süden leben werde.
4.4.06 20:57
 


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